Damals™, 1995

Bild von einem Mann, der am Pool mit einem Bein im Wasser sitzt und bei Sonnenschein an einem Notebook arbeitet
Mit ChatGPT generiert

 

Ich war 1995 gerade mal knapp 16 Jahre jung und hatte bereits seit 6 Jahren Zugriff auf einen Computer. Ich bekam diesen, zusammen mit meinem Bruder, an Weihnachten 1989 von meinen Eltern geschenkt. Ein Vobis Highscreen 386 SX, gefreut wie Bolle hat man sich darauf, vor allem weil man vorher schon bei Freunden hier und da mal Spiele auf einem Amiga 500 oder Commodore C64 (mit Datasette) spielen durfte. Es war die Zeit von Gianna Sisters (das bessere Mario Brothers), North vs. South, Summer und Winter Games.

Meinem Vater war es wichtig, und ich danke ihm für diese Entscheidung, dass wir direkt einen „richtigen“ Computer bekommen, einen, an dem man auch noch andere Dinge in Zukunft machen kann, als nur Spiele.

So standen wir da, Weihnachten 1989, der 386 fuhr das erste Mal hoch und wollte uns zeigen was man mit 1 MB Ram, 16 Mhz Prozessor und 35 MB Festplatte tolles machen konnte. Die ersten Spiele, zum befriedigen des jugendlichen Spieltriebes, gab es von meinem Onkel auf 3,5“ und 5,25“ Disketten / Floppys. Arkanoid, Sokobahn und nicht zu vergessen, der Klassiker Pac Man. Leider kam Commander Keen erst über ein Jahr später dazu, ich hab’s geliebt (wer es heute spielen möchte wird bei Steam fündig).

Nach den ersten Geh-Versuchen mit MS-DOS 5.0 und dem für manche Spiele wichtigen Herum-Tricksen mit Einstellungen in autoexec.bat und config.sys kam dann irgendwann MS-DOS 6.0 und MS-DOS 6.22 und währenddessen oder danach (1994) der Umstieg auf eine grafische Benutzeroberfläche mit Windows für Workgroups 3.11.

Spätestens mit dem Umstieg auf Windows tauchten dann irgendwann die Browser, der Internet Explorer und Netscape's Navigator, auf meinem Radar auf. Damit kam dann auch der Wunsch auch "drin zu sein" in diesem Internet.

Da die Technik sich weiterentwickelte, kam ebenfalls 1994/1995 ein neuer Rechner ins Haus, ein Intel 486 DX4-100, mit bereits 420 MB Festplatte, mehr Arbeitsspeicher und mehr Möglichkeiten. Und leider dann auch Windows 95 (man war das ein schlechtes Betriebssystem). Kurze Zeit später, das muss Ende '95 oder Anfang '96 gewesen sein, als ISDN flächendeckend verfügbar war, wollte mein Vater auch unser analoges Telefon durch eine ISDN-Telefonanlage ersetzen, die Chance mittels einer AVM Fritz! ISDN Karte endlich online gehen zu können. Anfangs noch über AOL und später direkt über die Telekom.

Das war der Anfang, eine völlig neue Welt, viele Informationen nur einen Mause-Klick entfernt ... wow, toll, so viele Webseiten, Internetadressen, Foren, ... aber wie macht man denn eigentlich seine eigene Website? Und wo und wie hostet man diese? Kennt ihr noch GeoCities? Ja, das war der Punkt, an dem das hier alles anfängt, der Punkt, der meine berufliche Laufbahn beeinflussen sollte. Zurück zu GeoCities dort bzw. damit erstellte ich damals meine ersten Internetseiten oder Homepages. Das war lustig, machte Spaß. Aber das ist doch noch nicht alles, da geht doch mehr. 

Als mein Vater dann irgendwann eine eigene Website haben wollte, da gab es schon Microsoft Frontpage Express 2.0 (1997) und ich hatte zuvor schon Erfahrungen mit Frontpage gesammelt, erstellte ich meine erste "professionelle" Website. Dabei blieb es nicht und es folgten Websites für Bekannte, meine Schule, ... und das Abi, das Schulende rückte näher. Was mache ich denn danach? Beruflich? Womit will ich mein Geld verdienen?

Das war der Zeitpunkt, wo meine Mutter die Bühne betrat. Aus den Sätzen "sitz doch nicht immer so lange am Rechner" wurden Sätze wie "guck mal Jörn, ich hab in der Zeitung was gefunden, die Suchen so Leute, die das machen was du da die ganze Zeit am Computer machst" ... na gut, dann schick ich denen mal eine Bewerbung, damals machte man das noch per Post. Die Firma bei der ich mich bewarb war XSTONE, eine Business-to-Business Plattform zum Handel mit Steinen, Natur- und Kunststein, Klinker, Pflaster.

Zwei Wochen später kam dann ein Anruf, "Sie haben sich bei uns beworben, kommen Sie mal vorbei." – Während des Bewerbungsgespräches wurde dann aber schnell klar, dass die Website von einer Agentur erstellt wird, ich solle mich doch dort mal melden. Kurze Zeit später, im Herbst 1999 fing meine Ausbildung zum Mediengestalter für Digital- und Printmedien, Fachrichtung Mediendesign, an.

Was mich in der Zeit am stärksten prägen sollte und später zu einem wahren Bedürfniss wurde, war ein Artikel in einem Magazin. Leider kann ich es nur versuchen zu rekonstuieren, dank Perplexity, Claude und ChatGPT, ist das zumindest annähernd heutzutage möglich. Scheinbar muss es ein Artikel im Wired Magazine gewesen sein, in der Printfassung, irgendwann zwischen 1997 und 1999, also vor Ausbildungsbeginn. Es wäre möglich, dass es ein Artikel über Philip Greenspun (Travels with Samantha) gewesen ist, da er zu der Zeit als "remote worker" auf meinem Radar auftauchte und für oder mit Oracle gearbeitet hat. Denn soviel weiß ich noch: Der Artikel war über einen jungen Mann, der von unterwegs Websiten erstellte – für seine Kunden, zu denen auch Oracle zählte – während er mit einem Bein im Wasser am Pool saß, und da dachte ich "das möchte ich auch irgendwann können" ... frei sein, nicht an einen Ort zum Arbeiten gebunden sein.

Fast forward, der erste Versuch der Selbstständigkeit im Jahre 2004 (wegen Nichtübernahme nach der Ausbildung und vielen erfolglosen Bewerbungen zu Zeiten der Nachwirkungen des DotCom Crashes 2000-2003), ich erstellte Webseiten und Visitenkarten für Kunden machte kleinere Grafikjobs. Wochenende, ich in Berlin – Kunde ruft an und möchte sofort etwas auf seiner Website geändert haben. "Ähm ja, äh, ... ich kümmere mich darum", stammelte ich. Zum Glück hatte ich mich damals für ein Notebook als Arbeitsrechner entschieden und selbiges auch mitgenommen, also was soll's, wir probieren das mal aus, in einem IBIS Hotel Zimmer, in Reinickendorf, das Siemens Handy am offenen Fenster, verbunden über GPRS – nicht schnell, der Upload per FTP läuft. Check. Dann die Rechnung am Ende des Monats, 20 Mark, Uff. 

Zehn Jahre später, der abermalige Schritt in die Selbstständigkeit, ich war für Vodafone  tätig und hörte irgendwann den Satz am Telefon: "Mensch Jörn, wie du das immer alles von unterwegs erledigen kannst, wow! Du lebst uns als Mobilfunk Company vor, was wir predigen."

Ortsunabhängig arbeiten. Ein Traum, geschafft.

Und nicht nur das, auch dem Digitalen und dem Marketing bin ich bis heute treu geblieben, trotz vieler Höhen und Tiefen. Dazu aber vielleicht ein anderes Mal mehr ;)

 

P.S.: Es sollte noch bis 2020 dauern, bis "remote work" oder "Home Office" durch die COVID‑19‑Pandemie endlich Salonfähig wurde. Leider.